Der Anteil jener Jugendlichen, die nach der allgemeinbildenden Schule ein Studium aufnehmen, steigt seit Jahren stetig an. Dennoch ist laut Zahlen der Autorengruppe Bildungsberichterstattung auch die Partizipation am deutschen Berufsbildungssektor anhaltend stark. Allerdings wird nicht zuletzt aufgrund demografischer Entwicklungen und rückläufiger Bewerberzahlen das Bemühen von Unternehmen bei der Rekrutierung von Nachwuchskräften künftig größere Anstrengungen erfordern. Um potenzielle Bewerber-/innen gezielt anzusprechen und für eine Ausbildung im Unternehmen zu gewinnen, wird es in Zukunft wichtiger denn je sein, ihre Erwartungen an eine berufliche Ausbildung zu erkennen und zu verstehen. Der Beitrag legt hierzu Ergebnisse aus dem von der Europäischen Kommission geförderten Forschungsprojekt 7EU-VET vor.
Von 1986-1988 wurden im Forschungsprojekt "Öffnung des Berufsspektrums für junge Frauen der Bergischen Region" im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Wissenschaft Berufseinmündung und Berufsverlauf in sechs atypischen Berufen untersucht. Einer davon war der der Speditionskauffrau. 68 weibliche und 95 männliche Auszubildende dieses Berufes im ersten und dritten Lehrjahr wurden zur Ausbildungsmotivation, zum Ausbildungsverlauf, zu ihren beruflichen Zukunftsplänen und zu ihren Erwartungen an den Beruf befragt. Die Ergebnisse zeigen, daß schon die Motivation und Interessen differieren, mit denen junge Frauen und junge Männer die Ausbildung aufnehmen, daß sich die Unterschiede in Interessen und Aufgabenwahrnehmung während der Ausbildung vertiefen und schließlich mit dem ersten Arbeitseinsatz nach der Ausbildung Weichen für die weiteren Berufsperspektiven gestellt werden. Trotz der ursprünglichen Präferenz von speditionellen Tätigkeiten der Frachtabfertigung und Frachtorganisation entscheiden sich die jungen Frauen dann eher für den Arbeitsplatz in kaufmännischen oder Verwaltungsabteilungen - vermutlich schon im Hinblick auf die spätere Vereinbarkeit der Berufsausübung mit Aufgaben in der Familie. Längerfristig wird die Ausbildung zur Speditionskauffrau mehr als eine von mehreren möglichen kaufmännischen Erstausbildungen gesehen und eventuell auf eine breitere Verwertbarkeit hin ausgebaut, weniger als spezifische Ausbildung für den Spediteurberuf.
Die Studie des BIBB "Ausbildung 1985" hat gezeigt, daß sich die beruflichen Vorstellungen und Orientierungen der Mädchen nicht mehr erheblich von denen der Jungen unterscheiden. So ist es den Mädchen wie den Jungen gleichermaßen wichtig, daß ihr Arbeitsplatz sicher ist, daß sie im Beruf etwas dazulernen und daß ihre berufliche Tätigkeit inhaltlich interessant ist. Erst bei genauerer Betrachtung zeichnen sich Unterschiede ab, wie der Beitrag zeigt. So wird die Spannung deutlich zwischen dem starken Wunsch der jungen Frauen nach einer qualifizierten Berufsausbildung und Verwirklichung im Beruf einerseits und den erschwerenden Bedingungen durch die Besonderheiten weiblicher Biographien und Arbeitsmarkt- bzw. Arbeitszeit- und Personalstrukturen andererseits.
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